Welche Immobilien werden 2045 noch relevant sein?

Die zukunftsfähige Ausrichtung einer Immobilie beginnt nicht mit Maximalforderungen, sondern damit, die Realität eines Gebäudes ernst zu nehmen. Das heißt nicht, klein zudenken, sondern: strategisch vernünftig zu denken.

Cornelia Lütge
Cornelia Lütge
People + Comms Lead
ESG, CO₂, Taxonomie, Klimarisiken, Zertifizierung, Daten, Finanzierung: Die Herausforderungen sind bekannt. Entscheidend ist heute eine andere Frage: Welche Maßnahmen machen eine Immobilie langfristig wertstabil, finanzierbar und zukunftsfähig? Ein Gespräch mit Anke Koch über Entscheidungslogik statt Schlagworte.

Im Gespräch mit Anke Koch, Gründerin und CEO ibak Hamburg

Immobilien-Menschen beschäftigen die Themen ESG, Energie und CO₂, EU-Taxonomie, Klimarisiken, Zertifizierung, Finanzierung, Vermarktung und Betrieb. Diese sind Inhalt von Fachartikeln, Marktberichten, Strategiepapieren und fast jeder Messeagenda. Wir werden hier nicht die Bedeutsamkeit der Themen hinterfragen. Die Frage ist, was diese für ein konkretes Gebäude oder Portfolio bedeuten und welche Rolle diese für Entscheidungen bedeuten, bei denen Geld, Zeit und Marktwert auf dem Spiel stehen. Also sprechen wir mit Anke Koch, CEO von ibak Hamburg nicht über eine weitere Trendliste. Dass der Gebäudebestand vor großen Aufgaben steht, wissen unsere Kund:innen. Erhalt vor Neubau, schonende Sanierungen, Umnutzung von gewerblichen Flächen zu Wohnraum - damit beschäftigen sich unsere Kund:innen und wir gerade für innerstädtische Lagen seit Jahren.

Dieses Gespräch ist aus einem anderen Grund interessant: Wer mit ibak Hamburg zusammenarbeitet, begegnet Anke Koch. Sie prägt die fachliche Richtung unseres Unternehmens seit vielen Jahren, diskutiert mit Eigentümer:innen, Investor:innen und Projektverantwortlichen über Gebäude, Portfolios und Zukunftsfähigkeit – und stellt dabei oft andere Fragen als erwartet. Schließlich ist Anke Koch - und das merkt man - Ingenieurin. Sie hat keine besondere Geduld mit großen Begriffen, wenn daraus keine belastbare Entscheidung entsteht. Sie fragt nach Ziel, Funktion, Abhängigkeiten, Reihenfolge und Umsetzung. Klar und gelegentlich mit trockenem rheinischem Humor. Vor allem aber mit dem Anspruch, Kund:innen nicht mit Standardlösungen zufriedenzustellen.

Mit unserer neuen Website möchten wir aber nicht nur zeigen, was wir tun, sondern auch, wie wir denken. Dieser Beitrag gibt einen ehrlichen Einblick, wie wir auf Themen blicken, die viele unserer Kund:innen aktuell beschäftigen.

Ein Gespräch über Immobilien, die nicht alles können müssen und warum Immobilien-Menschen sehr genau wissen sollten, wofür ihre Objekte künftig relevant sind.

Wenn wir über Immobilien bis 2045 sprechen: Welche Fragen sollte aus deiner Sicht am Anfang stehen?

Die Frage, welche Reise und welchen Weg wir hoffentlich nicht einschlagen werden. Wer aktuell an Veranstaltungen der großen Wirtschafts- und Branchenverbände teilnimmt oder politischen Vertretern zuhört gewinnt den Eindruck, dass die Fokussierung auf militärische Gebäude der seit Jahren gebeutelten Immobilienbranche den notwendigen Auftrieb geben möge. Nun mag man argumentieren, dass auch ein CO2-arm erbautes Munitionslager oder ein Hangar eine ehrbare Aufgabe darstellen kann. Jedoch: Milliarden, die im worst case in Technologien fließen, die mit Fertigstellung der Anlagen bereits gestrig sind? Ich freue mich über jede dieser Immobilien, die nicht erbaut werden. Bei mir bleibt die Sorge, dass wir eine vermeintliche Sicherheit auf Kosten der Chancen von morgen und damit unserer Kinder finanzieren. Daher unsere Fokussierung auf den Bau und die Fall-Sanierung von Immobilien für Wohnen, Bildung, Produktion, Handel, Logistik und unseren städtischen Außenraum, die Quartiere.

Am Anfang steht immer die Frage, welche Aufgabe diese Immobilie in zwanzig oder fünfzig Jahren noch erfüllen soll. Für Bestandshalter und Investoren ist das in erster Linie eine wirtschaftliche Frage. Soll die Immobilie langfristig im Bestand bleiben? Soll sie verkauft werden? Soll sie für bestimmte Nutzer attraktiv bleiben? Soll sie in einem Portfolio stabilisieren? Soll sie eine Finanzierung absichern? Das klingt schlicht. Aber wenn das Ziel nicht klar ist, wird jede Maßnahme beliebig. Dann kann man sehr engagiert über Zertifikate, Reports, Tools oder Einzelmaßnahmen sprechen. Aber man weiß noch nicht, ob man am richtigen Problem arbeitet.Für öffentliche Auftraggeber ist das eine gesellschaftliche Frage: Wie schaffe ich sichere Räume, Orte der Begegnung, Schulen, die zeitgemäßen Lehr-und Lernformen Rechnung tragen, biodiversitätsfördernde und menschlichen Bedürfnissen entsprechende Außen- und Stadträume?

Für Eigennutzer und produzierendes Gewerbe richtet sich die primäre Frage an die Flexibilität der Immobilie sowie nach der Integration von betrieblicher Abwärme in das Gebäudekonzept, außerdem Themen wie Elektrifizierung oder geeignete Formen zur Eigenproduktion regenerativer Energien.

Anke, das gesellschaftlich brennende Thema des Wohnungsbaus begegnet uns bzw. dir aktuell wie?

Spannend, mitwie vielen unterschiedlichen Ansätzen aktuell dieser Aufgabe begegnet wird. Das Ringen empfinde ich als sehr motivierend. Wenngleich die Diskussionen dieUmsetzung nicht weiter verzögern sollen. Wir werden aktuell damit adressiert, dass die Bestrebungen um günstigen Wohnraum mit Ansätzen wie dem Gebäudetyp E, dem Hamburger Modell etc. den von uns angewendeten Zertifizierungsansätzen widersprechen. Wenn Sie die Zertifizierungen auf Einzelindikatoren und Umfang reduzieren, ja. Gleichwohl die Frage, welchen Qualitätsstandards wir für Immobilien definieren, welche über die nächsten 100 Jahre unser soziales Umfeld prägen, wenn wir die in den Zertifizierungsansätzen hinterlegten auch wertvollen Standards über Bordwerfen.

Wenn das inden Plattenbauten oder den Gartenstädten der 70er Jahre mündet, halte ich das für wenig verantwortungsvoll. Dann hätten wir aus der Historie nicht gelernt. Somit die Frage, wie wir ein kostengünstiges Wohnen ermöglichen. Modularität ist kein neues Thema, aber ist ein Ansatz. Wenngleich der Appell auch an die genehmigenden Behörden, Architekten weiterhin durch Wettbewerbe Einfluss auf das städtische Stadtbild nehmen zu lassen. Dies Bauträgern zu überlassen (bei allem Respekt vor deren Tun), sehe ich kritisch.

Viel charmanter finde ich den Ansatz einiger Baugenossenschaften, die wir in den letzten Jahren begleiten durften. Kleinere Wohneinheiten, weniger Fläche proPerson, Allgemeinflächen zur gemeinschaftlichen Nutzung. Tolle Konzepte, die unter dem Thema Suffizienz deutlich zur Kostensenkung beitragen und dies nicht zu Lasten von Erlebnisräumen und Wohlfühlflächen.

Viele Leser:innen kennen die großen Stichworte längst. ESG, Nachhaltigkeit, Klimaneutralität, Finanzierung, Regulierung. Was ist trotzdem noch nicht ausreichend geklärt?

Die Branche weiß sehr gut, was auf sie zukommt. Ich werde mich hüten, so zu tun, als müssten wir dieser erklären, dass Gebäude sich verändern müssen. Die offeneFrage liegt woanders. Es geht um Sortierung.

In Projekten sehen wir häufig sehr viele Informationen. Es gibt Verbrauchsdaten, Gutachten, technische Einschätzungen, Anforderungen von Banken, Wünsche von Mietern, strategische Ziele der Eigentümer, Hinweise aus der Regulierung und manchmal zusätzlich interne Vorgaben aus dem Konzern. Wir haben in den letzten drei Jahren davon gelebt, die Anzahl der Berichte und Gutachten ist beindruckend. Zumal wir aufgefordert wurden, die Berichte Dritter zu aktualisieren, zu überprüfen, erneut in Varianten zu denken. Aber aus vielen Informationen entsteht noch kein belastbarer Weg. Zumal, wenn die Finanzkraft sinkt und die Angst vorFehlentscheidungen steigt.

Man muss unterscheiden: Was ist zwingend? Was ist wirtschaftlich sinnvoll? Was ist perspektivisch relevant? Was kann warten? Was klingt gut, bringt aber für dieses Gebäude wenig? Und was ist vielleicht unbequem, aber entscheidend? Man könnte dies nun ausschließlich an einem ROI festmachen, das lässt aber dieVeränderungsprozesse des Marktes und die Themen des Klimawandels, dem wir entgegensteuern müssen und damit die spätere Vermarktungsfähigkeit außer Acht.

Ich erlebe nicht selten, dass viel Energie in die Frage fließt: Was müssen wir alles betrachten? Die bessere Frage ist oft: Was müssen wir jetzt entscheiden, damit wir später nicht unter Druck geraten? Das ist die eigentliche Arbeit. Nicht dasSammeln von Stichworten, sondern das saubere Einordnen.

Ich bin keine Verfechterin weiterer Regularien, ganz im Gegenteil. Aber die Bestrebungen der EmpCo zu Maßnahmen gegen Greenwashing feiere ich. Gerade wir haben uns in den letzten Jahren als „Nachhaltigkeitsberater“ einen Namen gemacht. Wenngleich derBegriff von mir seit ebenso vielen Jahren nicht mehr ohne Unbehagen genutzt wird.

Ein wunderbarer Begriff, da holistisch. Wenngleich in der Branche leider häufig inflationär genutzt. Eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Inhalten stünde uns allen gut.Und dann – es hilft nicht! – kommen wieder unabhängige Bewertungsverfahren wie Zertifizierungen ins Spiel. Ob diese sich wandeln müssen, gestrafft werden müssen. Das können wir gerne diskutieren.

Wenn ein Eigentümer mit einer konkreten Frage zu unskommt, zum Beispiel „Wir brauchen eine Zertifizierung“, was fragst du zuerst?

Wofür genau? Das ist nicht provokant gemeint. Es ist eine sehr praktische Frage. Geht es um Finanzierung? Um Vermarktung? Um eine Transaktion? Um interne Steuerung? Um Qualitätssicherung im Projekt? Um eine Anforderung eines Mieters? Oder geht es im Grunde um das Bedürfnis, überhaupt erst einmal Orientierung zu bekommen?

Und wie wunderbar ist es, wenn das Zertifikat nicht ein Testat bleibt, sondern sich in der „User Experience“ niederschlägt. Innenräume, welche aktiv durch Mitarbeiter angenommen und ausgefüllt werden, Wohnräume, die Wohlfühlräume darstellen,Quartiere, in denen schattenspendende Außenräume die Gesundheit schonen usw. Ein Papier ist wertvoll, das Erlebnis ist wertvoller.

Eine Zertifizierung kann ein sehr gutes Instrument sein. Aber sie ist kein Geschäftsmodell. Und sie ist auch keine Immobilienstrategie. Wenn klar ist, wofür sie gebraucht wird, kann diese enorm helfen. Dann strukturiert diese Themen, schafft Nachweise, macht Qualitäten sichtbar und kann Entscheidungen absichern. Wenn das Ziel unklar ist, wird es schwierig. Dann kann ein Zertifikat am Ende beruhigen, ohne dass die eigentliche Frage beantwortet wurde.

Ein Hammer ist ein gutes Werkzeug. Nur wird aus einer Schraube dadurch noch kein Nagel.

Woran erkennst du, ob eine Immobilie 2045 noch wettbewerbsfähig sein kann?

Wir schauen nicht zuerst auf ein einzelnes Label und auch nicht auf eine einzelne Kennzahl. Interessant ist vielmehr: Wie gut bleibt dieses Gebäude anschlussfähig? An den Markt und Nutzeranforderungen. An Finanzierung und Regulierung. An den Betrieb und an technische Entwicklungen, die wir heute vielleicht noch nicht genau kennen. Das betrifft sehr konkrete Dinge: Energieversorgung, Gebäudehülle, Anlagen, Flächenstruktur, soziale und funktionale Standards, Betriebskonzepte, Datenlage, Dokumentation und Investitionsbedarf.

Ein Gebäude kann heute gut dastehen und trotzdem strategisch schlecht vorbereitet sein. Es kann voll vermietet sein, aber in wenigen Jahren Schwierigkeiten bekommen, wenn Daten fehlen, Betriebskosten steigen, Investitionen unklar sind oder Nutzer andere Anforderungen stellen.

Umgekehrt gibt es Bestände, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken, aber eine gute Ausgangslage haben, wenn man früh genug erkennt, wo die richtigen Hebel liegen. Wettbewerbsfähigkeit heißt für mich nicht, dass eine Immobilie heute schon alles können muss, was irgendwann einmal gefragt sein könnte. Das wäre meistens unbezahlbar und fachlich auch nicht sauber. Wettbewerbsfähigkeit heißt: Das Gebäude bleibt wandlungsfähig und es gibt einen Plan.

Gebäude bleiben lange, Anforderungen bewegen sich. Mit dieser Spannung muss man umgehen; das können wir nicht allein leisten, aber in Arbeitsgemeinschaften und als Teil von wirklich starken Planungsteams.

Du sagst: Ein Gebäude kann heute gut funktionieren und trotzdem schlecht vorbereitet sein. Ist das der Punkt, an dem es gefährlich wird?

Ja. Weil estrügerisch ist. Wenn ein Gebäude offensichtlich Probleme hat, schauen alle hin. Dann ist der Handlungsdruck klar. Schwieriger sind die Gebäude, die heute noch ordentlich laufen. Vermietet, technisch nicht auffällig, keine akute Krise. Da entsteht leicht der Eindruck: Es passt doch.

Vielleicht passt es heute auch. Die Frage ist nur: Passt es noch, wenn eine Refinanzierung ansteht? Wenn ein größerer Mieter neu verhandelt? Wenn ein Investor genauer hinschaut? Wenn Betriebskosten stärker ins Gewicht fallen? Wenn Daten für einen Report, eine EU-Taxonomie Prüfung oder eine Due Diligence benötigt werden? Viele Risiken entstehen nicht plötzlich. Sie werden nur plötzlich sichtbar. Und dann ist der Handlungsspielraum kleiner. Das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Punkte:

Nicht diefehlende Maßnahme ist immer das Problem. Oft ist es die fehlende Reihenfolge. Oder der zu späte Zeitpunkt.

Welche Anforderungen werden Immobilien bis 2045 besonders prägen?

Ich würde fünf Felder unterscheiden. Aber nicht als Trendparade. Und die Verbindung derer ist wichtig.

Erstens: Energie und CO₂. Das überrascht niemanden. Die entscheidende Frage wird nicht sein, ob man darüber spricht, sondern ob man daraus einen belastbaren Pfad ableitet. Was ist technisch möglich? Was ist wirtschaftlich sinnvoll? Was steht ohnehin an? Was muss zuerst passieren?

Zweitens: Klimaanpassung. Hitze, Starkregen, Aufenthaltsqualität, Freiräume, Mikroklima.D as sind keine Nebenthemen mehr. Ein Gebäude muss nicht nur weniger Emissionen verursachen. Es muss auch mit veränderten Bedingungen zurechtkommen.

Drittens: Daten. Aber bitte nicht als Selbstzweck. Daten sind nur dann hilfreich, wenn sie Entscheidungen verbessern. Man kann sehr viele Daten haben und trotzdem schlecht entscheiden. Und man kann mit wenigen, aber belastbaren Daten schon sehr vernünftig anfangen.

Viertens: Nutzung. Immobilien müssen für Menschen funktionieren. Das klingt fast zu einfach, wird aber gelegentlich unterschätzt. Eine Fläche kann technisch hervorragend dokumentiert sein. Wenn sie im Alltag, nicht den Unterschied macht, nicht angenommen wird, hat sie trotzdem ein Problem.

Fünftens: Wirtschaftliche Nachvollziehbarkeit. Maßnahmen müssen begründbar sein. Für das Objekt und dessen Haltedauer, für Finanzierung, Vermietung, Betrieb oder Verkauf.

Viele Diskussionen klingen so, als müssten Immobilien künftig alles gleichzeitig können: klimaneutral, digital, resilient, flexibel, gesund, biodivers, bezahlbar und schön bitte auch noch. Ist das realistisch?

„Na klar“ – nein! Nicht jede Immobilie wird jede Anforderung in gleicher Tiefe erfüllen können. Das ist keine Kapitulation vor dem Anspruch. Das ist Realitätssinn. Ein innerstädtischer Bestand, ein Neubauquartier, ein Logistikstandort, ein denkmalgeschütztes Gebäude, eine Mieterausbaufläche und ein gemischtes Portfolio haben nicht dieselbe Ausgangslage.

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus jedem Gebäude ein Idealbild bauen wollen. Das ist fachlich vielleicht bequem, aber wirtschaftlich nicht tragbar. Eine zukunftsfähige Ausrichtung beginnt nicht mit Maximalforderungen, sondern damit, die Realität eines Gebäudes ernst zu nehmen. Das heißt nicht, klein zudenken. Es heißt, strategisch vernünftig zu denken. Manchmal ist die umfassende Transformation der beste Weg. Manchmal ist es eine klare Investitionsreihenfolge oder eine saubere Datenbasis und manchmal eine Zertifizierung.

Tatsächlich ist manchmal die fachlich ehrliche Antwort: Diese Maßnahme klingt gut, aber hier ist sie nicht der beste Hebel. Das klingt wenig spannend, ist aber seriös. Andernfalls verlieren Eigentümer:innen und Projektverantwortliche Zeit und Geld.

Du sprichst viel über Wirtschaftlichkeit. Nimmt das der „Nachhaltigkeit“ nicht die Kraft?

Jetzt sind wir doch beim Begriff „Nachhaltigkeit“ gelandet, in dem Fall ist er aber auch so schön holistisch. Andersherum wird ein Schuh daraus. Zu häufig wird das Thema Nachhaltigkeit in Investitionsprozessen als eine Option gewertet. Für den Investor auf Gebäudeebene mag das der Fall sein. Volkswirtschaftlich betrachtet, laufen nicht nachhaltige Investitionen einer zukunftsfähigen Steuerung von Kapital entgegen.

Es geht nicht um eine moralische Frage, sondern um eine Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftens, gerade die Klimaveränderungen sowie den geopolitische Wandel berücksichtigend.

Wenn wir als nicht Petrolstaat - zumindest in dieser Legislaturperiode - wieder auf fossile Brennstoffe setzen und wir die Themen Biodiversität und Schutz von Wasserkreisläufen als Option bezeichnen, werden wir in Jahren als Folge erleben, dass die Landwirtschaft im eigenen Lande nicht mehr wettbewerbsfähig gegen Importe ist. Im Grunde ein Wahnsinn. Es gibt beeindruckende Experten, die sich mit dem Thema Sustainable Finance beschäftigen. Ganz nüchtern, zahlengetrieben. Ich könnte ruhiger schlafen, würde man deren Expertise mehr berücksichtigen.

Nun kann dies mitnichten allein auf dem Rücken der Immobilienwirtschaft ausgetragen werden. „Das wird auch nicht der Markt regeln“. Damit dies gelingt, bedarf es politischer Weichen. Aber ich wünsche mir zumindest das Bewusstsein für das Big Picture. Wir können und müssen auch in kleinerem Maßstab denken. Vielleicht mit Bedauern, dass aus wirtschaftlichen Gründen nicht alle möglichen Asse gezogen werden. Aber eine Negierung der Notwendigkeit in ein Umdenken tut weh.

Wenn du auf Eigentümer:innen und Bestandshalter schaust: Was wäre eine bessere Entscheidungslogik?

Ich würde mit drei Fragen arbeiten. Erstens: Was ist das Ziel dieser Immobilie oder dieses Portfolios? Zweitens: Was gefährdet dieses Ziel in den nächsten zehn Jahren? Drittens: Welche Maßnahmen reduzieren diese Risiken am wirksamsten, ohne neue Probleme zu schaffen? Das klingt fast zu einfach. Aber diese drei Fragen bringen sehr viel Ordnung. Dann spricht man nicht mehr abstrakt über Nachhaltigkeit, sondern konkret über Werthaltigkeit, Betriebskosten, regulatorische Anforderungen, Vermietbarkeit, Finanzierung, Nutzerqualität und Investitionsfolge. Und man erkennt schneller, ob eine Maßnahme wirklich notwendig ist oder nur deshalb diskutiert wird, weil sie gerade überall diskutiert wird.

Mein Wunsch:Weniger Trend- mehr Objektlogik. Immobilien überleben Trends. Wenn die Strategie nicht erklären kann, welches Risiko eine Maßnahme reduziert oder welche Entscheidung sie vorbereitet, ist sie wahrscheinlich noch nicht sauber. priorisiert. Das ist kein Ausschlusskriterium. Aber ein Hinweis, noch einmal genauer hinzuschauen.

Freundlicher Widerspruch?

Ja. Das gehört dazu. Wenn ein Projekt in die falsche Richtung läuft, ist es unsere Rolle dies zu äußern. Beratung auf Augenhöhe heißt nicht, alles abzunicken. Deswegen ist manchmal dieser der „teuerste“ meint wertvollste Hinweis: Diese Maßnahme ist fachlich sinnvoll, aber nicht der erste Schritt. Oder: Diese Zertifizierung kann helfen, aber sie löst Ihr eigentliches Problem nicht. Auch: Wir sollten nicht noch eine Analyse beauftragen, bevor klar ist, welche Entscheidung daraus folgen soll.

Das ist nicht bequem, aber es ist fair. Auf Dauer, und so halte ich es, ist es für Kund:innen hilfreicher als Zustimmung an der falschen Stelle.

Wird Nachhaltigkeit 2045 noch als eigenes Themadiskutiert?

Ich vermute: weniger. Nicht, weil Nachhaltigkeit unwichtig wird. Sondern weil sie selbstverständlicher wird. Niemand diskutiert bei einem Gebäude ernsthaft, ob Brandschutz relevant ist. Man diskutiert, wie er geplant, geprüft und umgesetzt wird. Ähnlich könnte es mit vielen Nachhaltigkeitsanforderungen werden. Die Frage wird nicht mehr lauten: Machen wir das, sondern wie machen wir es sinnvoll, wirtschaftlich, nachweisbar und passend zu diesem Gebäude? Dann sprechen wir vielleicht weniger über Nachhaltigkeit als Begriff und mehr über Immobilienqualität. Das heißt über Betriebskosten, Klimarisiken und Anpassungsfähigkeit sowie über Finanzierung, Nutzerkomfort und Daten. Natürlich auch über Resilienz und Werthaltigkeit. Damit könnte ich sehr gut leben.

Was würdest du lieber nicht mehr hören?

„Wir brauchen mal einen ESG Nachweis.“ Das ist natürlich etwas zugespitzt. Aber dieser Satz fällt in ähnlicher Form tatsächlich immer wieder. Es steht eine Finanzierung an, eine Transaktion, das Unternehmen ist reportingpflichtig, vermietet an ein Corporate welches seinerseits reportingpflichtig ist… Zeit ist Geld. Nur funktioniert „mal eben ESG“ selten bis nicht. Wenn die Nachweise belastbar sein sollen, müssen diese aktiv in Entscheidungsprozesse einfließen.

Das ist keine Rocket Science, bedarf aber einer Gründlichkeit, damit die Ergebnisse belastbar sind. Sonst bleibt am Ende ein Hochglanzbericht, der einer Überprüfung nicht standhält. Die Adressaten werden auch immer fachkundiger, zum Glück!

Blicken wir zum Schluss auf 2045. Welche Immobilien werden dann erfolgreich sein?

Nicht automatisch die perfekten. Das klingt vielleicht überraschend, aber ich glaube nicht an perfekte Immobilien. Jedenfalls nicht als allgemeines Zielbild. Erfolgreich werden Immobilien sein, deren Qualität nachvollziehbar ist. Die technisch und wirtschaftlich gut verstanden sind und die sich anpassen lassen sowie die für Menschen funktionieren. Auch die, die Risiken nicht ausblenden. Und bei denen Eigentümer erklären können, warum sie welche Entscheidungen getroffen haben. Das ist vielleicht weniger beeindruckend als manche Zukunftsvision, aber es ist belastbar. Und darum geht’s am Ende.

2045 werden viele Anforderungen normal sein, über die wir heute noch ausführlich sprechen. Dann wird sich zeigen, welche Gebäude nur auf Anforderungen reagiert haben und welche tatsächlich strategisch weiterentwickelt wurden. Das ist für mich der Unterschied: nicht lauter oder schöner formuliert, sondern tragfähiger.

Bist du optimistisch?

Ja. Aber nicht romantisch. Der Gebäudebestand ist träge, Kapital ist begrenzt. Anforderungen steigen und viele Unternehmen stehen unter erheblichem Entscheidungsdruck.Trotzdem bin ich optimistisch, weil die Branche viel gelernt hat. Die Debatten sind reifer geworden. Nicht überall, aber spürbar. Viele Kund:innen suchen nicht nach einfachen Antworten, sondern nach belastbaren Wegen. Das ist eine gute Voraussetzung.

Vielleicht müssen wir nur aufhören, so zu tun, als ließe sich die Zukunft einer Immobilie mit dem nächsten Label, dem nächsten Report oder dem nächsten Tool lösen. So funktioniert das eben nicht. Die Zukunft einer Immobilie entscheidet sich daran, ob wir ihre wirtschaftliche, technische und menschliche Funktion ernst nehmen. Bestenfalls heute schon, nicht erst 2045.

Danke für das offene und inspirierende Gespräch, Anke.

Autor:in

Cornelia Lütge
People + Comms Lead

Menschen, Kommunikation und gesundes Wachstum bilden einen Nenner in Cornelias Berufsleben. Bevor sie bei ibak Hamburg People + Communications übernahm, arbeitete sie lange als Business Coach, Trainerin und Marketer. Seit gut drei Jahren sorgt sie für die Marke, eine unverkennbare B2B-Comms sowie Good Work. Auf dem Land bei Pferderei, Yoga und Lesen findet sie die nötige innere Ruhe.